RT 04 Leipzig – Auf den Spuren technischer Dinosaurier und fossiler Kraftstoffe
Zur typenoffenen Oldtimerausfahrt sich Mobilisten verschiedenster automobiler Couleur zu einer Ausfahrt durch das Leipziger Neuseenland.
Bild 1: Starterfeld – 107er und Freunde

Während die sächsische Region rund um Leipzig zur Geburtsstunde der 107er vom Braunkohleabbau geprägt war, verwandelte sich die Leipziger Seenlandschaft nach der Stilllegung der Tagebaue in den 90er Jahren in eine moderne Wassersportregion bzw. in ein Naherholungsgebiet. Die sogenannten Abbauhohlformen, also die Tagebaurestlöcher, wurden geflutet, rekultiviert und bilden einen Gewässerverbund aus Seen, Flüssen und Kanälen von ca. 220 km Länge. Die Seenlandschaft in Mitteldeutschland wächst zudem weiter und wird nach 2050 rund 260 km² Wasserflächen umfassen, was mehr als die dreifache Fläche des Chiemsees ist.
Nach einem Frühstück und der obligatorischen Fahrerbesprechung am roten Londoner AEC Regent ging es los.
Bild 2: Country Bus Coach der Associated Equipment Company

Bild 3: Teilnehmer

In Anbetracht der sächsischen Bergbautradition stand folglich ein Zwischenstopp im Bergbau-Technik-Park auf dem Programm der Rundfahrt. Eine Führung durch ehemalige Bergbaumitarbeiter ermöglichte einen authentischen Blick in die technische Vergangenheit. Genau wie Liebhaber von Oldtimern ihr automobiles Kulturgut pflegen, wurden aus dem ehemaligen Tagebau Espenhain Schaufelradbagger und diverse technische Großgeräte aus dem Ende der 80er als Industriekultur vor ihrer Verschrottung bewahrt. Gegen diese technischen Dinosaurier wirken unsere Oldtimer wie eine Schar Microraptoren, denen das Überleben geglückt ist.
Bild 4: Kleine und grosse technischen Dinosaurier

Während für die Dinosaurier am Übergang der Kreidezeit zum Tertiär Schluss war, traf es die Braunkohle Ender der 90er im Zuge der Energiewende.
Unsere ebenfalls vom Aussterben bedrohten, z.T. großvolumigen Verbrenner fossiler Kraftstoffe kehrten mit diesem Zwischenstopp quasi an den Ursprung ihrer einstigen Nahrungsquelle für Olefine zurück. Während das vor hundert Jahren von den deutschen Chemikern Friedrich Bergius und Matthias Pier entwickelte Verfahren, aus Braunkohle Kraft- und Schmierstoffe herzustellen, heute keinen unserer Oldtimer eine Nahrungsquelle mehr bietet, hatte die Fahrzeugbesatzung die Möglichkeit zum kalorischen Energietanken am Grill-Imbiss.
Bild 5: Typenoffene Ausfahrt Bild

6: Schaufelradbagger im Bergbau-Technik-Museum

Die riesigen Bagger sind, genau wie Oldtimer, Zeitzeugen der technischen Evolution. Obwohl Mercedes die Fähigkeit zur „Evolution“ spätestens seit 1989 mit dem W201 als Homologationsmodell für die DTM Programm auf und unter dem Blechkleid beweist, hat der „Evo“ seine Wurzeln letztendlich auch in Dinosauriern wie der roten Sau (AMG 300 SEL 6.8) oder dem R107 Rallye (450 SLC 5.0). Bei aller schwäbischer Evolution, unsere 107er besitzen als überlebende Fossilien noch einen Antriebsstrang, dessen Herz in 6- oder 8 Zylinder Zündreihenfolge schlägt und durch dessen Venen noch oktanreicher Ottokraftstoff strömt. Natürlich alles ohne digitalisieren Herzschrittmacher oder einen Kompressor als Rollator.
Auch wenn die evolutionäre Stammlinie des SL durch den R129 – R232 gesichert ist, steht dem Verbrenner doch ein ähnliches Schicksal wie den Braunkohlebaggern bevor. Oldtimerclubs bieten der vom Aussterben bedrohten Antriebstechnik ein automobiles Schutzgebiet. In derartigen Reservaten sind auch den 107er Stämmen asphaltierte Lebensräume geblieben. Dort leben viele Oldtimer in einem Biotop aus Garagen und Stellplätzen und erfahren liebevolle ambulante Seniorenpflege beim betreuten (Aus-)Fahren. Immer noch besser als die Zulassung entzogen zu bekommen und abgemeldet ins Museum abgeschoben zu werden. Unsere Ausfahrt durch das Leipziger Neuseenland bei Temperaturen von über 36 Grad beweist dabei eindrucksvoll, wie vital, rüstig und leistungsfähig die Technik der bunt gemischten Fahrzeugtypen ist.
Das Teilnehmerfeld umfasste dabei diverse Klassiker, welche im Leben von Liebhabern und Enthusiasten eine Rolle gespielt haben und liebevoll im Gedächtnis geblieben sind, weil sie z.B. für den damaligen Geldbeutel unerschwinglich oder beispielsweise das erste eigene Autos waren. Dies erklärt den Anteil an „DDR-Fahrzeugen“ an der Ausfahrt, sei es der Wartburg oder ein Lada der Volkspolizei.
All diese Oldtimer müssen als industrielle Kulturgüter für spätere Generationen erlebbar gehalten werden und ein Automobil erlebt man, in dem man es fährt. Folglich erfolgte der Restart zur 2. Etappe, welche über idyllische Nebenstraßen zurück nach Leipzig führte.
Historische Gefährte weckten als Zeitzeugen vergangener Epochen selbst bei Technik-Legasthenikern Interesse, insbesondere da die Oldtimerszene u.a. alte Handwerkstraditionen bewahrt. Ein Aspekt, welcher unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit voll im ökologischen Trend liegt. KfZ-Schlosser, welche ein Auto noch verstehen, Sattler, Stellmacher, Lackierer oder Karosseriebauer sind handwerklichen Berufe, die wie Dinosaurier vom Aussterben bedroht sind und durch Restauration weitergegeben werden können.
Anders als die Dinosaurier werden wir uns der Diskussion um Resourcenbedarf und Emissionen bei Oldtimerausfahrten sowie den Einfluss auf den Klimawandel stellen müssen, egal ob wir das mögen oder nicht. Ein Thema, welches im Motorsport bereits angekommen ist und vor der Oldtimerszene nicht halt macht. Klar ist auch, dass seelenlose Oldie-Zombies mit E-Antrieb oder „Restomods“ keine Alternative sind. Zu einem Oldtimer gehört der originale Antriebsstrang der einen Verbrenner als Kraftquelle hat, sonst ist er kein historisches Kulturgut mehr. Die erzeugten Emissionen muss man aber in Relation zu den geringen Fahrleistungen sehen. Von 48,2 Mio. Fahrzeugen in Deutschland (Stand 2021) besitzen nur 584.509 ein H-Kennzeichen. Die Fahrleistung von Oldtimern beträgt im Schnitt 1500 km pro Jahr, was nur ca. 0,14 % der Gesamtfahrleistung (642 Milliarden km) ausmacht. Davon gehen wunderschöne 100 km auf das Konto dieser Rundfahrt.
Zum Ausklang konnten sich die Teilnehmer auf dem Firmengelände der IW-Classic GmbH, deren Mitarbeiter mit viel persönlichem Engagement die Ausfahrt ermöglicht haben, an historischen und modernen Food-Trucks kulinarisch auftanken. Im Rahmenprogramm gab es Musik, Segway, Hüpfburg, Spiele und eine große Tombola, deren Erlöse an das Kinderheim in Machern gespendet wurden. Mit dieser Aktion wird bedürftigen Kindern geholfen, welche einen weniger gelungenen Start ins Leben hatten als viele unserer Oldtimerfreunde.

Bild 7: Food Trucks bei der Abschlussveranstaltung Bild

8: Tombola
Rundherum eine gelungene Lustfahrt bei welcher der RT04 Leipzig und seine Freunde am Ende einen positiven Fußabdruck hinterlassen haben.

Bild 9: R107er meets big MB friends

