RT-59 Ausfahrt nach Göttingen im Oktober 2025

Es gibt mindestens zwei Höhepunkte für jeden SL-Club im Laufe des Jahres: Endlich die erste Ausfahrt, also Saisoneröffnung am 1.Mai, und dann die letzte Fahrt vor dem Winterschlaf der Oldtimer, also die letzte Ausfahrt zum Saisonende. Beides wird seit Jahren in einer gelungenen Form im RT 59 Ostwestfalen geradezu „zelebriert“. Auch wenn es zwischendurch immer auch weitere gemeinsame Ziele zu erobern gilt, so heißt es für den 03.10. in jedem Jahr: Welche Überraschung hat der Club diesmal im Reisegepäck?

Viele Menschen, die noch nie eine Passion für alte Autos aktiv erleben oder ausleben durften, werden nicht verstehen, dass der Puls eines leidenschaftlichen SL-Fahrers höherschlägt, wenn man Oldies auf der Straße trifft. Das kann u.U. ein alter Trecker oder ein Vorgänger des SLs selber sein.  Und manchmal braucht der SL-Fahrer geeignete Ziele, damit sein Herz vor Freude hüpft, weil er auch mobile Raritäten bestaunen darf, die nicht Mercedes heißen – so auch bei der zweitägigen Abschlussfahrt nach Göttingen.

Vom Treffpunkt in Paderborn aus führten zunächst wunderbar sich schlingende Wege und Sträßchen teilweise durch eine wenig bekannte Gegend des Teutoburger Waldes und durch das Weserland.

Spätestens an der Form der Bushaltestellenschilder erkennt man, dass man nicht mehr in NRW, sondern in Hessen oder Niedersachsen ist. Dann ist das erste Ziel nicht mehr fern. Trotz der versteckten Lage des besuchten Ortes ist Hessisch-Oldendorf vielen Autoliebhabern ein Begriff: Dort befindet sich die legendäre Grundmann-Sammlung.

Was sich als ein wirklicher Höhepunkt nach drei Stunden „Staunen und Entdecken“ entpuppen sollte, begann mit herzlicher Begrüßung durch einen Fachexperten, der viele Jahre aktiv die Ausstellung mit aufgebaut hatte, selber geschraubt hat und jetzt interessierte Gruppen mit einer „Unmenge“ an Fakten, Daten, Fachwissen und natürlich an historischen Schätzen der Automobil-Kultur empfängt.

Herr Bernd Heimbold kennt die VW-/Rometsch-/Porsche-Sammlung von Traugott und Christian Grundmann so gut wie kaum ein anderer und gab den 19 TeilnehmerInnen einen exklusiven Einblick.

Von den 80 Fahrzeugen, die man zu sehen bekam, stach vor allem der Käfer Nr. 6, einer der drei existierenden Prototypen VW 38, aus dem Jahr 1938 hervor. Der von Ferdinand Porsche entwickelte „KdF-Wagen“ der Nazis war vor wenigen Jahren als „Ruine“ in Litauen aufgefunden worden

Nirgendwo bekommt man so viele kostbare Originale des seltenen Fahrzeugs Rometsch zu sehen, wie in Hessisch-Oldendorf. In einer eigenen Halle stehen zunächst vier kostbare Modelle des Rometsch „Beeskow“ (1951-1956). Diese Modelle sind nach Johannes Beeskow benannt, der das Fahrzeug entwickelte.  Zwei weitere, nämlich Rometsch Lawrence (1957-1961) waren ebenfalls dort zu bestaunen.

Auch die Tatsache, dass ein Möbelgestalter, Bert Lawrence, den Wagen einst zeichnete, verwundert sehr. Am Ende in der Halle wurde ein schwarzer Brezelkäfer ausgestellt – natürlich wieder ein Unikat. Es handelt sich um eines der seltenen Taxis, bei denen Johannes Beeskow das Fahrzeug aus zwei Käfern um 27 cm verlängerte und so mit zusätzlichen Türen versah. Schließlich musste ein Taxi viertürig und geräumig sein. Das konnten die SL-Club-Besucher durch ein neugieriges „Probe-Sitzen“ bestätigen.

Die Herzen aller Porsche-Fans (und natürlich aller Käfer-Fans) würden sofort höherschlagen, wenn der Vierzylinder-Boxermotor unter der Haube der selten zu sehenden Fahrzeuge vor Ort tatsächlich „erklingen“ dürfte: Alte Porschefahrzeuge von 356 Pre-A, Knickscheibe, 356 Speedster, 356 B Carrera 2, 914/4, 912 und bis 912 targa wurden ausgiebig bewundert

In weiteren Hallen gab es – immer sinnvoll in einen historisch relevanten Kontext eingebunden – weitere Fahrzeuge, wobei jedes einzelne ausgestellte Automobil dieser Sammlung eine wirkliche Rarität ist.

Der geschichtliche Blick auf die getrennte Zeit bringt in der Sammlung ausgefallene und kuriose Nachbauten aus der DDR zum Vorschein. Neben den gängigen und liebgewonnen Originalen des VW-Bulli – in der Sammlung Grundmann für den Camping-affinen Besucher unverkennbar als VW Bullis der 1. Generation, Sambabus oder Westfalia-Camper

auszumachen – wurde ein „verfremdet“ wirkender Bus präsentiert, der in der DDR gebaut wurde und natürlich eine kuriose Kopie des originalen T1 war. Auf dem Fahrgestell eines Kübelwagens hatte 1951 ein Bastler aus der DDR und Liebhaber schöner VW-Autos aus dem Westen eine Vollholzkarosserie mit neun Sitzplätzen nach dem Original gebaut. Was aber noch mehr verwundert, dass dieses Gefährt in der DDR zugelassen wurde.

Im Café – im Stil eines amerikanischen Dinners – endete der ungewöhnliche Rundgang. Dort tauchten schließlich die von der vielseitigen und faszinierenden Führung begeisterten Clubmitglieder aus OWL noch einmal in die vergangenen Zeiten ein: Bei Rock-n-Roll-Musik aus der Jukebox und einem wunderschönen Original-Ambiente der 50er bzw. 60er Jahre gab es Zeit zum Austausch, zur kulinarischen Stärkung und den obligatorischen Fototermin.

Ein einmaliger Besuch in Hessisch Oldendorf, der als Überraschung der Abschlussfahrt nun „gelüftet“ war, wird nicht reichen, um den „Schatz“ der Automobil-Kultur in allen Facetten zu erfassen

Eine Wiederholung ist lohnenswert. Man hat allerdings als „Neuling“ kaum noch Chancen bei dem 9. Uraltkäfertreffen am 25.-28. Juni 2026 dabei zu sein. Alle Unterkünfte sind bereits ausgebucht.

Am frühen Abend hat der SL-Club das Hotel Freigeist in Göttingen und damit das Tagesziel erreicht. Noch lange war die Grundmann-Sammlung das Thema der Gespräche in einer geselligen Runde des RT 59.

Es geht zwar bei den Fahrten unseres SL-Clubs fast immer um ein Ziel, das mit der Oldtimer-Liebe der Clubmitglieder zu tun hat, und das aber meist auch kulturelle und historische Erfahrungen miteinschließt. Eine Führung durch Göttingen machte bekannt mit Besonderheiten dieser Studentenstadt: der Besuch bei der Gänseliesel gehört ins Programm eines jeden Doktoranten, der seinen Doktortitel erlangt hat

Das historische Alte Rathaus, ein prächtiges Gebäude am Marktplatz, wurde im Jahr 1270 erbaut und diente bis 1978 als Rathaus. Heute ist es ein Repräsentationshaus, das durch seine Architektur mit Zinnen, Spitzbögen und Erkern besticht und dessen Rathaushalle mit Wappen der Hanse und einer prächtigen Deckenmalerei geschmückt ist

Hätten Sie gewusst, dass die Löcher im Fußboden des großen Sitzungssaals eine Heizung waren, die nach römischem Vorbild den Allerwertesten der Ratsherren wärmen sollte? Göttingens Motto ist nicht umsonst „Die Stadt, die Wissen schafft“. Die renommierte Universität in Göttingen ist mit dem wissenschaftlichen Wirken von über 40 Nobelpreisträgern verbunden. Vierzehn von ihnen wurden mit dem Nobelpreis für Forschungsarbeiten und -erkenntnisse ausgezeichnet, die sie während ihrer Zeit in Göttingen entwickelt haben. Zu ihren berühmten Absolventen zählen der Mathematiker Carl Friedrich Gauß und der Politiker Otto von Bismarck. Auch Albert Einstein kam nach Göttingen. Ein berühmtes Kind der Stadt – auch wenn man es anders vermutet – ist Herbert Grönemeyer. Göttingen bietet durch ein kompetentes Team ein überaus themenreiches und interessengeleitetes Angebot verschiedener Stadtführungen. Trotz des Regens zeigte sich die Stadt lebendig und jung und voller Geschichten bzw. Persönlichkeiten. Für jedes Interesse einer Gruppe und für jedes Wetter bietet das Touristenbüro ein abwechslungsreiches Programm. Hier wird man fündig! (https://www.goettingen-tourismus.de/tourist-information/ ). Göttingen hat den SL-Club mit einem großen Zuwachs an historischem und politischem Wissen entlassen. Die Rückfahrt bewies dabei vor allem eines: die W 107-er sind auf jeden Fall wettertaugliche Fahrzeuge.

Das Fazit? Beide Ziele lassen sich gut an einem Zweitäger sinnvoll verbinden und von der Entfernung her gut bewältigen. Das Vorbereitungsteam, Andreas und Eduard Rammert, beweisen ein ausgesprochen gutes Geschick, eine Fahrt zu planen, wo eine gemeinsame Ausfahrt und der Besuch einer historischen Stadt ein unvergessliches Erlebnis zum Saisonende garantieren.

Und es gibt noch einen weiteren Höhepunkt im Leben eines SL-Clubs zum Ende des kalendarischen Jahres. Wenn man während der traditionellen Weihnachtsfeier einen Foto-Rückblick auf alle durchgeführten Ereignisse startet, werden alle Erlebnisse wieder wach und lebendig. Und dann freut man sich schon auf die erste gemeinsame Ausfahrt im Frühjahr!

Fotos: Ralf König

Text: Johanna Magiera-Rammert