SL-Tuning, Kommentar

Kommentar und Ergänzung zu Tuning, Customizing …

Die Betrachtungen über mögliche Bewertungen mutwilliger Veränderungen am Kulturgut Mercedes-Benz R/C107 von KJE haben mich, wie die meisten seiner ebenso augenzwinkernden wie fundierten Abhandlungen wieder einmal dazu gebracht, den Text förmlich zu „verspeisen“ wie ein Gebinde belgischer Pralinen. Hat man einmal damit angefangen, kann man nicht mehr aufhören, bis zum unvermeidlichen Schluss. Dabei genießt man jede Praline, äh – jeden Satz nicht nur des puren Inhalts wegen, sondern auch dessen „äußere“ Gestaltung mit allen Verzierungen (auch mit denen „zwischen den Zeilen“), denn das Auge isst bekanntlich mit.

 

Obwohl ja die meisten Konfektsorten bestimmter Provenienz von bekannt guter Qualität und aus erlesenen Zutaten hergestellt sind, hat man so seine heimlichen Lieblingssorten. Nun, in der von KJE überreichten Schachtel befand sich – fein säuberlich verpackt, so dass einem der Inhalt nicht gleich beim ersten vorsichtigen Lupfen des Deckels aufdringlich entgegenspringt – mein absolutes und unerschöpfliches Lieblingsthema:

Was kann und darf man mit einem Auto, wie dem 107er, alles anstellen, ohne gleich in die Hölle zu kommen, bzw. den letzten Optionsschein für den automobilen Kulturhimmel hoffnungslos zu verspielen?

Die Mitgliedschaft in unserem Verein der rechtschaffenen Sternbesitzer entreißt uns ja fast zwangsläufig Luzifers Klauen, so dass man sich, wenn man nicht ohnehin die orthodoxe Lehre predigt, zumindest in der „Fegefeuerklasse“ bewegt. Fragt sich nur, wie weit man sich unter dem Deckmäntelchen „Club-Mitglied“ zur heißen Seite hin aus dem Fenster lehnen darf …

Nun, ich persönlich stelle mir das erleuchtete Dasein, auf einer Originalitätswolke schwebend, mit der Aufgabe, tagein tagaus den Stern zu polieren und das Halleluja auf die Institution Daimler-Benz oder DaimlerChrysler zu singen, während der Dirigent die Partitur mit der Aufschrift „MBCCCI“ auf die zweiunddreißigstel Note genau interpretiert sehen will, ein bisserl langweilig vor.

Da reizt es mich schon eher, etwas Bewegungsfreiheit in der Grauzone der Individualität zu haben, und – so man will – dem „Customizing“-Teufel bisweilen ein wenig mit Gebrüll um die brodelnden Zubehör-Töpfe zu fahren. Allerdings möge mich der heilige Spenz davor bewahren, nicht zu weit auf die abschüssige, mit zunehmend dickem Gummiabrieb überzogene Bahn zu geraten, an deren Endpunkt „Koenig Specials“ Tuningabteilung aus den späten Siebzigern etabliert ist. Denn von dort gibt es kein Zurück. Kein Ablasshandel und kein noch so frömmelnder Lebenswandel können die Montage tischgroßer Heckspoiler, vorgetäuschter, seitlicher Lufteinlass-Schlitze für den nichtvorhandenen Heckmotor, Spoilerstoßstangen im Schneepflugformat und aerodynamisch verkleideter Rennspiegel jemals wieder ungeschehen machen. Solche Missetäter haben sich seinerzeit ja meist schon freiwillig auf den elektrischen Recaro-Stuhl gesetzt, wohl wissend, dass kein Sterngeschworener der Welt in letzter Minute ein Gnadengesuch einreichen wird. Hinweg mit diesem Gesocks! Die Zeiten solcher Irrungen und Wirrungen sind aber Gott sei Dank vorbei. Lieber Klaus, wie Du sehr zutreffend bemerkt hast, ist sicher „kaum ein Vorkriegs-Mercedes, -Alfa, oder -Bugatti absolut original“. Gerade kleine Abweichungen, die den damaligen Zeitgeist oder den (seinerzeitigen) Einsatzzweck besonders anschaulich illustrieren, machen oft den Reiz solcher Exponate aus. Ein gutes Beispiel dafür sind die damals obligaten Blumenvasen in Brezelkäfer & Konsorten. Oder, wer hätte vor kurzem noch gedacht, dass der „Wackel-Dackel“ auf der Hutablage jemals wieder fröhliche Urständ‘ feiert?

Natürlich ist ein chromblitzender Oldie, der soeben vom Band gelaufen zu sein scheint, schon eine imponierende Sache und meist von berauschender Eleganz. Er dokumentiert eindrucksvoll, welches mehr oder weniger hochwertige Finish ihm seine Hersteller mit auf den Weg gegeben haben. Nur – der lange Weg selbst, den er zurückgelegt hat, bis ihn ein finanzstarker Idealist möglicherweise nur zu dessen persönlicher Selbstdarstellung restaurieren ließ, der bleibt beim Anblick der „reinen Schönheit“ verborgen. Der staunende Betrachter steht sozusagen vor einer gelifteten, meisterhaft geschminkten Diva, die vorgibt, gerade erst den Sprung ins grosse Showbusiness geschafft zu haben und eine große Karriere mit garantierter Wertsteigerung noch vor sich zu haben. Möge es denn so sein …

Vor kurzem besuchte ich eine Oldie-Show mittlerer Güte, in der als Highlight neben etlichen gut gepflegten und auch kuriosen Veteranen ein alter Bentley 4 ½ Liter im Renntrimm zu sehen war. Dieser Wagen verdeutlichte in einmaliger Weise, wieviel mehr Aussagekraft ein Fahrzeug mit einigen individuellen Anpassungen und mit ordentlich Patina aufweist. Man hatte den Eindruck, dieses Monster käme geradewegs vom letzten Renneinsatz zurück. Stumpfer Lack, angelaufenes Messing und pickeliger Chromschmuck, matte Uhren mit vergilbten Zeigern und das abgesessene, rissige Leder erzählten atemberaubende Geschichten über das unvernünftige Dasein in den Händen noch unvernünftigerer Fahrer, die alles andere im Sinn hatten, als diesen reinrassigen und nur zu einem einzigen klar definierten Zweck gebauten Boliden auf Händen in das automobile Sammler-Nirwana zu tragen. Die ölverschmierte Antriebskette, die abgegriffenen Holzteile der Bedienelemente, die unübersehbaren Spuren der letzten (eiligen?) Betankung und das verkrustete „B“ (Green Label) auf der typischen Kühlermaske beflügelten meine Phantasie, dass ich schon glaubte, das Knistern abkühlenden Eisens zu vernehmen, das wenige Minuten zuvor noch von einem ehrgeizigen „Ben-Hur“-Verschnitt zum Glühen gebracht wurde.

Erinnern wir uns also daran, das z. B. unsere SL als „Tourensportwagen“ in der Preisliste standen (meiner zumindest), und dass deren Motorisierung an diesem Attribut auch keinen Zweifel lässt. Sowohl Roadster, als auch Coupe waren keine Geschäftswagen und keine Transportmittel. Sie waren Vergnügungsmittel reinsten Wassers, wenn auch nicht für die ganz Hartgesottenen, so doch für die prinzipiell etwas sportlicher ambitionierten Fahrer und Fahrerinnen. So gesehen war und ist der Wunsch nach ein wenig mehr Leistung oder ein wenig mehr Individualität durchaus legitim. Die Zukunft solcher aus der automobilen Einheitskost herausragender Automobile liegt allerhöchstens in zweiter Linie in der Konservierung für die Ewigkeit. Es musste auch die geschundenen und nicht selten verheizten Exemplare geben, welche die Drecksarbeit machten, um die Geschichten und Legenden zu schreiben, ohne die selbst besterhaltene Exemplare sogar exklusiver Marken mehr oder weniger bedeutungslos wären. Man denke nur an „unsere“ Rallye-SLC, die unter der Ägide von Erich Waxenberger die These, dass ein Rennwagen leicht und kompakt sein müsse, auf eine harte Probe stellten.

Lasst uns als ein wenig an der Geschichte des SL/C mitkritzeln, auch wenn wir nur ganz unbedeutende Randfiguren dieser Ära sind. Lasst ihn uns lebendig erhalten und ihm auf den Strassen den Auslauf geben, den er braucht. Wer weiß, wie lange das noch möglich ist. Wenn opportunistische Politik, „fortschrittliche“ Steuerungs-Prozesse und verblendeter Idealismus dieser Form der automobilen Fortbewegung einmal das Wasser abgegraben haben, wird Heulen und Zähneknirschen sein, ob der verpassten Gelegenheiten. Aber, Freunde (Zeigefinger hoch): Ich war dabei! Mein Eisen-V8 im nicht mehr ganz jungfräulichen Gewand darf noch grollend und fauchend (mit Sportauspuff ) seine in Leder, Chrom (auch an den Radläufen) und Holz (auch an Lenkrad und Schaltknauf) schwelgenden Passagiere auf klassische Herrenfahrer-Art (welch ein Chauvi-Begriff! Aber wir sind ja alle kleine „Chauveure“) über die letzten unreglementierten Hinterlandpisten treiben, dass es eine Freude ist.

Huldigen wir aber auch den unermüdlichen, fleißigen Konservatoren in unseren Reihen, die uns und unseren Nachfahren heute und morgen eindrucksvoll vor Augen führen können, welche Gunst des Schicksals es bedeutete, in der Zeit zwischen 1971 und 1989, einen makellosen 107er in seinem ganzen strahlenden Glanz, der vom Stolz seiner Erbauer und seiner potenten Besitzer kündete, sein Eigen nennen zu dürfen. Sie zeigen uns als Gralshüter der reinen Lehre, wohin man im Zweifelsfall immer wieder zurückkehren können sollte, um nicht den Geruch eines stillosen Nestbeschmutzers zu verbreiten. (Gut, dass Ihr jetzt nicht sehen könnt, wie ich gerade kritisch an mir schnuppere; wo, verdammt noch mal, ist gleich wieder das Mercedes-Deo für meine chromumrahmten, abgasgeschwärzten Achselhöhlen?)

Ich denke, wir haben in unserem Club alle unser Plätzchen gefunden. Die Bewahrer, die Fahrer und die Bewunderer (selbst ohne 107er) dieser denkwürdigen Baureihe. Und so wird es sicher auch weiterhin genügend Diskussions- und Zündstoff geben, um Leben in die Bude zu bringen. Es leben die „Brandstifter“ mit dem Streichholz an der Lunte!

 

Siegfried Heiland