Peep-Show im Erdinger Moos etabliert

Eine Geschichte über „Triebtäter“ und deren unstillbares Verlangen

Wenn sie fortan der Möglichkeit beraubt würden, im Frühjahr und im Herbst auf dem geräumigen Anwesen bei der Methmühle in Niederneuching regelmäßig ihren Blech-Ikonen „unter den Rock“ zu gucken und Sprühwachs geschwängerte Luft zu atmen, würden sie wohl bald massive Entzugserscheinungen plagen.

Das „dreckige Dutzend“ fiel heuer nun schon zum zehnten Mal mit Planwagen und Feuerrössern auf der „Hazienda“ des Gastgebers ein, um sich auf dem weitläufigen Hof sogleich auszubreiten und ölsicher zu vermummen.

Alsbald bilden sich dann kleine Grüppchen um einzelne Fahrzeuge, welche Stück für Stück entblättert, oder um technische Zutaten bereichert werden.

Andere wiederum bemühen sich um eine anhaltende Genickstarre, die ganz einfach durch einen gelifteten 107er auf der Hebebühne herbeizuführen ist, aus dem entweder gerade etwas herausläuft, oder in den etwas hineingesprüht bzw. eingefüllt wird.

Manchmal kann man dort auch Bereiche freilegen, die dem „gemeinen Passanten“ sonst verborgen bleiben, oder einen endoskopischen Blick in das wirkliche und wahre Wageninnere riskieren, was dann bisweilen wie folgt ausgeht:

Alle grölen, feixen und grinsen, nur einer nicht! Der überraschte Eigner des grade sezierten Gefährts.

Aber die Hoffnung stirbt (trotz im wahrsten Sinne des Wortes rostiger Kommentare) zuletzt und bei den SL-Club­Schraubern eigentlich über­haupt nie!

Gegen Mittag wird dann die „Beute“ der Mercedes-Desperados aufgeteilt.

Auf ihren „Raubzügen“ durch das oberbayerische Voralpenland mit Ziel Niederneuching wurden Metzgereien und Getränkedepots geplündert, Bäcker und Konditoren mussten sich in aller Herrgottsfrüh von ihren frischesten Erzeugnissen trennen und so manche brave Ehefrau hatte am Vortag Gelegenheit, das Heißluftgebläse Ihres Backofens an die Drehzahlgrenze zu fahren, damit das Erzeugnis sich tags darauf den angejahrten Klassiker-Kofferraum mit Ersatzteilen und Öldosen für eine kleine Reise teilen darf.

Im „Konferenzraum“ zwischen Dreh- und Werkbank, gleich neben der Hebebühne werden dann mit frisch geölter Kehle die neuesten Geheimnisse und Termine aus der Welt der Motor Klassik und insbesondere der 107er-Szene mit einer Intensität ausgetauscht, die manchen Inhaber eines Waschsalons mit blankem Neid erfüllen würde.

Wenn nur die ganze Welt so kommunikativ wäre, wie Frauen beim Friseur und Männer unter ihren Autos…!

Manchmal ist es aber wohl auch andersherum – zumindest sind im Dunstkreis von Hans auch die Frauen an der Hebebühne keineswegs kleinlaut.

Stehen komplexere Themen an, so schart man sich gerne um den „technischen Moderator“ Alfons Steinbach, der neben beruflichem Know How und diversem Anschauungsmaterial auch ein gerüttelt Maß an Leidenschaft und Faible für technische Präzision mitbringt, wie an seinen bei­en Coupes (107 und 123) unschwer zu erkennen ist.

Nicht immer sind hier nur 107er zu Gast. Auch andere Fortbewegungsmittel im Zeichen des Sterns mit Klassiker­Potential finden sich immer wieder ein und sind willkommen, um gelegentlich über den „107er -Tellerrand“ hinauszublicken.

Wenn „Engel schrauben…“, drückt der Wettergott offenbar wohlwollend ein Auge zu und so durfte sich die kleine, zwanglose Schraubergemeinde meist guten Wetters erfreu­en. Nur ein einziges Mal hat es geregnet, ansonsten konnte immer auch unter freiem Himmel an den Objekten der Begierde geschraubt und geforscht werden.

Abends, wenn die Dämmerung über das Anwesen (mit eigenem Weiher und Tretboot samt Landesteg) hereinbricht, alle Autos wieder fahrbereit und die Hände von Schmiere und Konservierungswachs befreit sind, setzt man sich dann noch im Wintergarten der Gastgeber zu einer Brotzeit zusammen, genießt den Ausblick auf Hanni Wellers‘ liebevoll gepflegten, parkartigen Garten, erzählt sich Geschich­ten über Gott und die Welt (mit leicht autolastiger Tendenz), oder plant den nächsten Schraubertreff, oder eine gemeinsame Ausfahrt mit lohnendem Ziel.

Immer aber trennt man sich mit dem Gefühl, eine besondere „Familie“ zu sein und freut sich schon bei der Abfahrt wieder auf ein neues Stelldichein.

Bevor das Jahr ausklingt, und wenn die meisten Sternenkreuzer schon im Winterquartier dösen, rafft sich die Schraubertruppe dann noch einmal auf und pilgert im Sternmarsch auf die Wallfahrtskirche „Maria Ramersdorf“ im Münchner Südosten zu, um (zur Enttäuschung des Pfarrers) jedoch nur nebenan beim „Alten Wirt“ einzukehren und in adventlicher Atmosphäre mit frommer Andacht auf das Autojahr zurückzublicken und sich für die kommenden harten Monate leiblich und moralisch zu stärken.

So hat sich (über bestehende Regionalstrukturen hinweg) wieder eine Club-Zelle gebildet, die etwas bewegt. Unspektakulär, aber nachhaltig. Allen Unkenrufen zum Trotz gibt es also sehr wohl Be­strebungen im Club, sich ­ über die dünner und kostenaufwändiger werdende offizielle Werkstattbetreuung hinaus ­ selbst zu helfen.

Ob diese Keimzelle beispielsweise Potential zu weiterer Entwicklung hat, ist angesichts der begrenzt vorhandenen Infrastruktur fraglich. Zur Beständigkeit jedoch allemal und „So geht eben Club“, wie ein Vorstandsmitglied (angesichts oft klagend herangetragener Bitten um Aktivität von zentraler Seite) bisweilen entgegnet.

So wird sicher auch im Frühjahr 2007 eines Morgens die Luft im Erdinger Moos wieder vom Grollen der Sechs-und Achtzylinder erfüllt werden

und über zweitausend dampfende Pferdestärken erneut im Hof vor der Hebebühne zum Stehen kommen, mit dem bescheidenen Anspruch auf Pflege und Wartung für neue erlebnisreiche Ausritte.

Sigi Heiland, München