Neues aus der Genforschung

Der kleine Unterschied zwischen Männern und Frauenmit freundlicher Genehmigung von Anja Wolf

 Anm. hier geht’s zwar nicht um SL (die Autorin ist im Vorstand des MG-Drivers Club),
aber der Name des Objekts der männlichen Begierden ist in dieser Sache eher unwesentlich…
Gen1Nichts lässt sich verallgemeinern. Das weiß ich. Aber seien wir mal ehrlich: In der Mehrzahl sind es doch die Männer, denen bei der Zeugung das Auto-Gen mitgegeben wurde. Das hat nichts mit autogenem Training oder Gasschweißen zu tun, sondern mit der ungewöhnlichen Neigung, das Auto zum Dreh- und Angelpunkt des Lebens zu erklären.

Ich frage mich immer wieder, wie das eigentlich geschieht. Denn überprüft man den Stammbaum der jeweiligen Familie, so lässt sich meist beim besten Willen nicht feststellen, wer für das entsprechende Erbgut verantwortlich ist. Im Fall meines Lebensgefährten fuhren die näher bekannten Vorfahren ihre rollenden Transportmittel ohne besondere Leidenschaft, von den üblichen samstäglichen Kultwaschungen vielleicht einmal abgesehen.

 

Welche Wirkung das hauptsächlich beim männlichen Homo sapiens vorkommende AutoGen auf die Beziehung zwischen Mann und Frau hat, zeigt ein Blick über den Zaun einer typischen Familie: Das Streben eines durchschnittlichen Mannes richtet sich auf Fahrzeuge überdurchschnittlicher Größe und Motorleistung. Soweit diese Männer über eine Familie, mindestens aber über eine Ehefrau verfügen, gibt es einen Zweitwagen. Dieser ist in der Regel von kleinerer Statur und hat solch putzige Namen wie Clio, Polo, Fiesta oder Ka…

Diese Wagen werden angeschafft, damit frau was Eigenes hat, zum Einkaufen und so. Denn wir wissen ja, wie das ist. Mit so großen Wagen kann eine Frau nicht umgehen, weshalb mann dann die Bürde auf sich nimmt, den Mercedes auch für den zwei Kilometer langen Weg zur Arbeit einzusetzen. Zum Transport der Getränkekisten leiht sich der Herr des Hauses dann aber gern den Polo aus, nachdem er samstags morgens die Repräsentationskarosse zwei Stunden lang geschrubbt hat. Damit frau nachts auch ein Auto hat, mit dem sie umgehen kann, fährt mann abends zur Fete mit dem Polo – wenn auch schweren Herzens. Die so geschilderte Spezies macht nach meiner Erfahrung den größten Anteil aus.

Blüten treibt das Gen unter den so genannten Autotunern. Auf der Suche nach einem wirklich individuellen Auto kaufen sie zunächst ein möglichst millionenfach gebautes Massenmobil, um es anschließend durch zahlreiche Veränderungen (die Teile dafür gibt es an jeder Ecke oder im Versand) zu ihrem ganz persönlichen Schmuckstück herauszuputzen. Diese Symptome legen sich bei den meisten Männern, sobald sie auf die 30 zugehen. Aber Vorsicht: Wer heute Manta fährt, heißt wahrscheinlich gar nicht Manni, sondern hat es geschafft, sich noch eins der seltenen Originalexemplare zu sichern und gehört wahrscheinlich der Kategorie der Autonostalgiker an, um die es hier eigentlich gehen soll.
Gen2
Es sei mir verziehen, aber nach meiner Erfahrung ist das die schlimmste und spleenigste Gruppe – aber auch die liebenswerteste. Trotz der erheblichen äußerlichen Unterschiede kommt es übrigens nicht darauf an, ob das Objekt der Begierde aus Frankreich, Italien, Deutschland, England, Schweden oder Amerika stammt. Allen wirklichen Fans gemeinsam ist aber die Ausschlussklausel: entweder oder! Mischungen erlebt man selten. Wer Alfas liebt, hat in der Regel keinen Triumph in der Garage und so weiter…

Woher kommt das? Meine persönlichen Forschungen haben ergeben, dass stets ein ‚Schlüsselerlebnis verantwortlich war für die Richtung, die der Autonostalgiker einschlug: Der eingefleischte DS-Freund schwärmt von seiner ersten Liebe als Austauschschüler in Straßburg, der Lancia-Liebhaber erinnert sich an die Werkstatt im Ort, wo er als Kind Enzo kennen lernte, der gerade an einem Ferrari die Doppelvergaser nur nach Gehör einstellte. Die anglophilen Nostalgiker, die sich nicht selten britischer gebärden als die königliche Garde bei der Wachablösung vor Buckingham Palace, hängen hingegen einem Englandbild nach, das es in dieser Idylle allenfalls in alten Miss-Marple-Filmen gibt.

Was aber bringt einen Mann dazu, diese Liebe, Ehrfurcht oder was es sonst sein mag, mit solcher Inbrunst auszuleben? Der Mann, mit dem ich zusammenlebe, besaß am Anfang unserer Beziehung ein gar scheußliches Gefährt, einen Ford Consul in gelb mit einer braunen Tür. Ich glaube, auch dieses Auto hat er geliebt. Während unserer Studienzeit jagte dann ein Ford den anderen. Gegen Ende der Referendarzeit begann – man kann sagen von einem Tag auf den anderen – die Anglomanie, und zwar mit einem Jaguar XJ 6, der viele Jahre das Highlight unseres Hinterhofs bildete, allerdings ausschließlich als Experimentierobjekt, Groschengrab und Kulisse für unsere Feste. Ansonsten verweigerte sich das noble Stehzeug jeder Anforderung, die man normalerweise an ein Automobil stellt. Mein Unverständnis Männern gegenüber wuchs.

Da auch mein Lebensgefährte eines Tages die Hoffnungslosigkeit seines Tuns erkannte, wandte er sich bodennäheren Beispielen englischer Automobilbaukunst zu. Ergebnis war ein Mini Mayfair Sport, der tatsächlich innerhalb angemessener Zeit restauriert war und sich dann sogar aus eigener Kraft fortbewegte. Ehe ich mich versah, hatte ich mich über beide Ohren in dieses knubblige kleine Ding verliebt! Das volle Ausmaß der verhängnisvollen Affäre erkannte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Es fing ja auch ganz harmlos an. So nahm ich nicht sofort wahr, wie mein Freund in der Gilde der Autonostalgiker zum‘ Autosammler aufstieg. Das sind Männer, die unmittelbar nachdem sie das Hochgefühl einer glücklich beendeten Restaurierung ausgekostet haben, eine innere Unruhe verspüren, die sich nur dadurch stillen lässt, dass sie einen neuen hoffnungslosen Fall umkreisen und ihrem Fundus einverleiben. In unserem Fall war das ein MG-Gummiboot aus den USA. Auf diese Weise machte ich die Bekanntschaft einer weiteren englischen Marke, zu der sich später noch Exemplare der Marke Triumph gesellen sollten. So lernte ich, dass es außer Unterwäsche und Schreibmaschinen noch etwas anderes mit diesem Namen gibt.

Seit dieser Zeit hat sich unser häusliches und gesellschaftliches Leben kolossal verändert. Da, wo bei anderen Leuten Bücher in den Regalen stehen, befinden sich bei uns säuberlich geordnete Ersatzteile. Überall stehen kleine, mit Öl gefüllte Gläser herum, in denen sich allerdings keine Antipasti befinden, sondern eingelegte Schrauben. Größere Ersatzteile, die nicht mehr in die Garage passen, stapeln sich in den Ecken der Wohnung und dienen auch schon mal als Dekostück. Wie sehr man Gefallen an einer kompletten Jaguar-Auspuffanlage finden kann, erkannte ich erst, als sie dann wirklich eingebaut wurde. Unser Arbeitszimmer vermittelte danach irgendwie ein Gefühl der Leere.

Gen3Auch die plötzliche Bereitschaft meines Freundes, den ungeliebten Abwasch zu übernehmen, erstaunte mich nur so lange, bis ich ihn eines Tages in der Küche antraf, wo er hingebungsvoll Blinkergläser und sonstige Kleinteile mit der Spülbürste bearbeitete.

Auch dass wir eine Zeitlang statt auf der üblichen Couch, auf einer Jaguar-Sitzgarnitur saßen, ist kein Witz. Daneben unternahmen wir‘ Reisen quer durch Deutschland, immer auf der Suche nach dem einzig wahren Originalteil. Statt Tupperpartys gibt es unter den Autonostalgikern Werkstattmeetings. Da wir ja nun über den passenden Untersatz verfügten, wurden auch die erholsamen Urlaubsreisen weniger und wichen aufregenderen Rallyeveranstaltungen. Als mein Liebster mir vor einem Jahr mitteilte, er habe jetzt genug davon und wolle alles etwas ruhiger angehen lassen, insbesondere kein Restaurierungsobjekt mehr erwerben, lächelte ich wissend und harrte der Dinge. Gestern hat er einen Spitfire gekauft, so für später, damit man im Alter was zu tun hat… ! Warum er das alles macht, weiß ich immer noch nicht. Ist auch nicht mehr so wichtig. Viel mehr Sorgen bereitet mir, dass ich inzwischen selbst drei englische Autos besitze und mir eigentlich nicht erklären kann, wieso. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich so gar kein Faible für teuren Schmuck habe…