Antons Weg zum SL

Anton Mosbacher  / Graz in der 107 KLASSIK 1/01

 Jeder von Ihnen erinnert sich sicherlich noch gerne an den ersten Kontakt mit dem 107er, den Moment der ersten Ausfahrt, die ersten offenen Kilometer. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen meinen Weg zum SL erzählen.

Am Anfang war die Welt halbrund und grau und ich sah, dass das nicht gut war….. So könnte man meinen Einstieg in die Automobilwelt 23-jährig im Jahre 1978 beschreiben. Mein erster fahrbarer Untersatz war also ein VW Käfer Baujahr 1965 mit 40 PS. Um das graue Erscheinungsbild etwas aufzulockern, investierte ich sehr viel Zeit in die Verwandlung meines Käfers in eine Schmuckschatulle, verziert mit Tausenden von Pailletten (Bild 1 ).

Der Zahn der Zeit und besonders das Salz der Straße setzten dem Käfer massiv zu, so war der technische Zustand der Karosse bald außen hui, innen pfui. Meine Erfahrungen im Kampf gegen das Böse waren zudem noch sehr bescheiden. Es war an der Zeit sich um einen Nachfolger zu kümmern.

Im April 1985 war die Zeit reif für den Aufstieg in den Sternenhimmel: ein wunderschöner silberdistel-farbener Mercedes 230E/W123/Bj.80 wurde dem sterbenden Schmuckkästchen beigestellt, das einige Jahre danach auch prompt vom Schrottwolf gefressen wurde. Der 230E läuft noch immer ohne Probleme, er ist mein Arbeitstier  (Bild 2)

Mein Hang zur Fortbewegung ohne Dach unter freiem Himmel veranlasste mich im Juli 1988 auch ins Revier der Zweiradfreaks einzutauchen. Die Auserwählte läuft unter dem Namen „Savage“, die Wilde.

Die Maschine – ein 652 cm³  Einzylinder-Chopper von Suzuki – war genau das richtige Gefährt um mit Genuss alle Straßen der südsteirischen Weingegend und die umliegenden Berge kennen zu lernen. Die Savage blitzt heute nach mehr als 12 Jahren beinahe noch wie am ersten Tag. (Bild 3)

Jahre kamen, Jahre vergingen; die schönen Studentenzeiten waren längst vorbei, das Berufsleben fiel unbarmherzig über mich her. Und es stellten sich – der Vierziger war auch schon Vergangenheit – immer öfter diese Halsschmerzen ein, hervorgerufen durch starkes plötzliches Verdrehen des Kopfes, das wiederum verursacht wurde durch entgegenkommende, vorbeifahrende oder parkende SLs oder SLCs. Als mit Vernunft denkender Mensch weiß ich, dass derartige Leiden an der Wurzel angepackt werden müssen (stimmts Doc?), also begab ich mich auf die Suche nach dem Auslöser, durchforstete Spalten über Spalten von Inseraten nach dem Präparat SL oder SLC. Sie müssen wissen, diese Art von Medizin ist in Österreich sehr schwer zu finden. Im April 1998 gab ich die Suche auf und spendete mir als Trost einen 260SE/W126/Bj.88 in der vornehmen Farbe blauschwarz metallic. Aber es war nur eine Medizin gegen Kopfweh, die Halsverrenkungen blieben.

Wird schon wieder werden – wer weiß weiter – kurz www – dachte ich und es fiel wie Schuppen von meinen Augen: ich startete meine Suche im Internet. In der Motor Klassik entdeckte ich www.107sl-club.de und ich befand mich im siebten Himmel. Dort gab es sie noch, meine Medizin gegen die Halsverrenkungen. Dank sei Gott dem Herrn und Bill Gates.

Im Sommer dieses Jahres begann ich diese Adressen regelmäßig zu durchforsten, vorerst auf einen 300SL mit Serienkatalysator beschränkt (Importvorschrift, Nachrüst-Kats werden vom österreichischen TÜV nicht akzeptiert). Allmählich erweiterte ich meine Suche auch auf die Achtzylindermodelle, schließlich hatte ich nur noch Augen für die Autos mit den V8-Motoren.

Am 3. Oktober entdeckte ich einen 420SL in der mir unbekannten Farbe „bisonbraun metallic“ mit Lederausstattung, Serienkat, Klima, Automatik, Windschott; alles was mein Herz begehrte. Die Farbe machte mich vorerst ein bißchen skeptisch. Ich ließ mir vom Privatanbieter mehrere aktuelle Fotos mailen. Die folgenden 3 Wochen liefen die Mailserver auf Hochtouren. Nachdem alle Details bezüglich Import nach Österreich abgeklärt waren, startete ich am 19. Oktober mit meinem 230E eine 1000 km Reise in den hohen Norden Richtung Hannover um das Auto zu besichtigen. Was ich da zu sehen bekam, war ein äußerst liebevoll gepflegter 420er. Ich begann mit meiner Checkliste. Zwei Stunden später setzte ich meine Unterschrift unter den Kaufvertrag – beobachtet von den aufmerksamen Augen eines Notars (Importvorschrift).

Anschließend fuhr ich zu meinem Hotel, setzte mich ins Restaurant und bestellte ein König-Pilsener. Den Bierdeckel habe ich mit nach Hause genommen mit ein paar aufgekritzelten Worten: „Zum Andenken an 420SL-Kauf – Bückeburg, am 20.10.2000“. Sie kennen sicher den Aufdruck auf dem Deckel: „Heute ein König“ und auf der Rückseite: „Es passieren die schönsten Sachen in unserem Leben. Man muss nur wach sein und diese königlichen Momente bewußt genießen. Mit Stolz, mit innerem Glücksgefühl und mit einem passenden Bier….“ Und Sie können mir glauben, ich war wach! Das Bier habe ich geschmacklich noch mitbekommen – ich hatte eine starke Verkühlung – das anschließende Abendessen und den Wein nicht mehr; aber das war an diesem Abend Nebensache.

Am nächsten Tag ging es mit dem 230E wieder zurück nach Graz, wo die Vorbereitungen für den Import anliefen: Termin beim TÜV holen, Eisenbahn-Fahrkarte mit Liegewagen reservieren, Bank ausrauben. Am 25. Oktober setzte ich mich um 16 Uhr in den Nachtzug nach Hannover. Nach der Ankunft kurz nach 6 Uhr morgens gab es Frühstück in der Bahnhofshalle – Kaffee und ein Marzipankipferl. Nach einem kleinen Stadtbummel in der wärmenden Morgensonne ging es mit der S-Bahn weiter Richtung Minden. Von der S-Bahnstation trennten mich noch 3 Kilometer von meinem SL, die ich mit Genuss und Freude zu Fuß zurücklegte. Mit jedem Schritt kam ich meinem SL ein Stück näher. Ich zog meinen Geldkoffer mit den kleinen Rädchen hinter mir nach und war auf dem gepflasterten Gehweg ziemlich lärmend unterwegs. Eine kleine Herde von Ziegen neben der Straße vergaß gänzlich auf die Futteraufnahme. Sie ließen den Typ mit dem Koffer keinen Augenblick aus den Augen. Ich winkte natürlich freundlich. Kurz vor Mittag erreichte ich mein Ziel, bei Kuchen und Kaffee wurde der Koffer geleert und ich bekam die Autoschlüssel überreicht.

Nach einer Stunde hieß es für die Familie des Verkäufers Abschied nehmen vom 107er. Mit dem Versprechen, immer gut auf das Auto aufzupassen, startete ich meine Heimreise. Leider war die Fahrt teilweise in einer fürchterlichen Waschküche, starker Regen bis Kassel, in der Gegend von Passau und Oberösterreich ebenfalls Regen, die letzten 150 Kilometer allerdings bei klarem Himmel dem aufgehenden Sternbild des Orion entgegen. Kurz nach Mitternacht rollte ich in Graz ein.

Inzwischen sind einige Monate vergangen, ich konnte noch einige Ausfahrten mit dem Hardtop in die herbstliche Weingegend unternehmen (Bilder 4 und 5) , noch mit den Überstellungskennzeichen).

So viele offene Münder und verdrehte Hälse habe ich selten gesehen. Meine Halsverrenkungen gehören nun der Vergangenheit an, jetzt habe ich die richtige Medizin. Es ist ein schönes Gefühl, ein Auto, das man mehr als ein Vierteljahrhundert bestaunt hat, endlich selbst durch die Landschaft zu bewegen. Die erste Cabrioausfahrt ist im Frühling angesetzt. Ich freue mich schon! –