Stärken und Schwächen

Stärken und Schwächen

Aufgrund der enorm langen Bauzeit des SL der Baureihe R 107 gibt es nicht nur viele Versionen, sondern auch zahlreiche Verbesserungen fließen mit den Jahren ein. Doch auch mit einem 1971er 350 SL genießt man die Vorteile eines durchdachten Luxuswagens mit vielen praktischen Details. So kann man mit einem SL oder SLC der Baureihe 107 noch heute die erstklassige Alltagstauglichkeit genießen. Hohe passive Sicherheit, wirksame Belüftung und Heizung, durchdachtes Scheibenwischersystem, seitliche Schutzleisten oder innenverstellbare Außenspiegel sind heute selbstverständlich; bei der Einführung des 107 waren sie sichtbares Zeugnis eines hohen Entwicklungsaufwandes.

Auch der R/C 107 hat eine selbsttragende Karosserie, die – besonders in den Anfangsjahren dieser Baureihe – nur unvollkommen korrosionsgeschützt war. Glücklicherweise wurden gerade beim SL zahlreiche Exemplare zeitlebens nur als Sommerfahrzeug eingesetzt. Dies nicht nur, weil betuchte Besitzer ihren SL sowieso nur als Schönwetter-Cabrio einsetzten, sondern auch weil es um die Fahreigenschaften im Winter nicht zum Besten bestellt ist. Der kurze SL-Radstand, das hohe Gewicht mit – vor allem bei den Grauguß-V8-Versionen – deutlicher Kopflastigkeit und die geringe Hinterachsbelastung machen den SL auf Schnee und Eis zur fahrerischen Herausforderung.

Der SLC mit dem ellenlangen Radstand ist da wesentlich ausgewogener. Dadurch sind aber zahlreiche SLC durch Winterbetrieb in Mitleidenschaft gezogen worden. Aufgrund der durchweg hohen Preise, die speziell für den SL bezahlt werden, gibt es auf dem Markt auch einige nur notdürftig reparierte Unfallwagen, denn das Herrichten eines SL lohnt fast immer. So sollte man sich das ins Auge gefaßte Exemplar zunächst aus allen Blickwinkeln mit einigen Metern Abstand betrachten und auf verräterischen Wellen im Karosserieblech, ungleichmäßige Spaltmaße, hängende Türen oder gar einen verschobenen oder verzogenen Aufbau untersuchen. Wichtig für die Stabilität eines 107ers ist ein intakter Vorderwagen ohne Korrosionsschäden. Bei geöffneter Motorhaube untersucht man zunächst diese auf Kantenrost, besonders am Übergang zur Kühlermaske. Danach sind die seitlichen Stehbleche im Motorraum an der Reihe. Gefährdet ist auch die Frontmaske, speziell rund um die Scheinwerfer und im hinteren Bereich der Übergang der´Stehbleche zur Spritzwand. Die Spritzwand selbst sollte genau untersucht werden, auch der Heizungs- und Belüftungskasten kann angegriffen sein. Von innen leuchtet man mit einer starken Taschenlampe die vorderen Radhäuser aus. Überall kann man hier Rost finden, vor allem am Übergang zum Schweller. Der Außenschweller selbst wird oft mit einem Reparaturblech überzogen, wie es darunter aussieht, ist dagegen schwer zu beurteilen. Schon deshalb ist ein angeschweißter Außenschweller Grund zu großer Skepsis.

Vom Innenraum aus drückt und klopft man sorgfältig den Innenschweller ab, ebenso außen den Übergang vom Schweller zum Bodenblech. Die alles entscheidende Stabilität der Wagenheberaufnahmen prüft man am besten durch Anheben des SL oder SLC mit dem Bord – Wagenheber. Dabei darf es nicht knirschen; es darf sich die Aufnahme auch nicht bewegen. Kritisch ist der gesamte Bereich um die Hinterräder. Wiederum mit der Taschenlampe leuchtet man die hinteren Radhäuser aus. Typische Roststellen sind auch die hinteren Radläufe. Hier dürfen sich keine Verdickungen erfühlen lassen. Speziell am Übergang zum Schweller und am kurzen Blechstück zur Türe wird dabei gerne liederlich gearbeitet; genauso am hinteren Auslauf des Schwellers zur Heckschürze hin.

Unter dem SL oder SLC muß man alle Bleche im Bereich der Hinterachse genau abklopfen, besonders den Übergang von den Innenkotflügeln zum Bodenblech sowie die Bereiche um die Anlenkpunkte der hinteren Radaufhängungen. Vom Kofferraum aus untersucht man die Innenkotflügel, die Heckschürze und alle Vertiefungen, insbesondere die Reserveradmulde; außerdem den Heckdeckel auf Kantenrost. Der findet sich auch an den Türen. Auch die sogenannten Aluminium-Coupes, der 450 SLC 5.0 und der 500 SLC, haben Türen aus Stahlblech, die an Türböden und Kanten genau auf Rost und unsachgemäße Reparaturen gecheckt werden sollten.

Wichtig ist ein guter Zustand des beim 107er umfangreichen Chromschmucks. Die Stoßstangen sollte man dabei zusätzlich von unten betrachten und versuchen, dem Rost auch unterhalb der Gummiauflage auf die Spur zu kommen. Noch sind alle Chromteile zwar zu haben, günstig sind sie aber nicht. Mechanisch ist der SL/SLC weitgehend unproblematisch. Laufleistungen von 300.000 Kilometer ohne größere Reparaturen sind bei allen Motoren eher die Regel als die Ausnahme. Verfärbungen am Heck an Lack und Chrom im Bereich der Auspuffendrohre lassen auf erhöhten Ölverbrauch schließen. Der Öldruck darf auch im Leerlauf und bei warmem Motor nicht unter 0,5 bar sinken; dies gilt für alle Motoren.

Als besonders unproblematisch gelten die 280er, 450er, 420er und 500er. Besonders beim 350er wird seit jeher das Mißverhältnis zwischen Kraft und Verbrauch bemängelt, der 300er Sechszylinder kämpfte dafür bei scharfer Fahrweise mit vorzeitigen Zylinderkopfschäden. Alle Motoren sollten spontan anspringen, ruhig laufen und aus der Öffnung für den Ölpeilstab keine ölhaltige Luft entweichen lassen.

Bei Automatikfahrzeugen prüft man am Meßstab für das Getriebeöl die Farbe der Flüssigkeit. Sie sollte rot und klar sein, nicht dunkel und trüb. Die Automatik darf auch nicht zögerlich oder hart schalten, schon gar nicht beim Heraufschalten. Auffällige Nebengeräusche können von Kardanwelle oder (häufiger) von einem singenden Hinterachsdifferential kommen. Während der Fahrt kontrolliert man noch die Funktion von Klimaanlage und Tempomat.

(mit freundlicher Genehmigung von Ralf Lehnemann)