Am 18.11. letzten Jahres erhielt ich mit der Aktion "Rechts über'n Ring - AutoBild sucht Deutschlands härtesten Beifahrer", die Gelegenheit, ein Fahrzeug aus der DaimlerChrysler Produkt-Palette kennen zu lernen, das ich schon lange mal in freier Wildbahn erleben wollte. Dass es zwar keinen Stern, jedoch den Namen einer berüchtigten Giftschlange trägt, kommt nicht von ungefähr.
Ring-Taxi Dodge Viper
In diesem Fall hatte ich es sogar mit einem besonders bissigen Exemplar zu tun, das selbst einen gut motorisierten 107er im direkten Vergleich wie ein possierliches Plüschtierchen aussehen lässt.
Diesen erkenntnisreichen Blick über den Tellerrand der Mercedes-Welt möchte ich Euch nicht vorenthalten und hoffe, dass ihr meine intensiven Eindrücke an diesem Tag ein wenig nachempfinden könnt.
Mit dem roten Donnerkeil in der "Grünen Hölle"
Alle Jahre wieder - sobald sich das Laub verfärbt - zucken sie mahnend hervor:
Die erhobenen Zeigefinger der Autozeitungs-Redakteure und der Motor-TV-Moderatoren warnen uns eindringlich vor den nun unerbittlich herannahenden Gefahren durch feuchtes Laub und schmierigen Asphalt, die in tückischen Kurven von ansonsten romantischen Waldsträßchen auf uns arglose Autofahrer lauern.
Selbst die ausgefuchstesten elektronischen Fahrhilfen seien nicht immer in der Lage, überraschende und unfreiwillige Drifts, oder gar Pirouetten zu verhindern, wenn man sich allzu beherzt auf solch seifigem Untergrund bewegt. Sagt man ...
Lieber also mit gezügeltem Gasfuß und mit sachten Lenkbewegungen durch solche Todeszonen rollen, um den drohenden Abflug des teuren Spaßmobils zu vermeiden! Der ambitionierte Fahrer mit Routine und Erfahrung hält sich an diese Regeln und jahrelange unfallfreie Fahrt adelt ihn schließlich als alten Hasen am Steuer. Oder???
Start ins Ungewisse
Schlaglichtartig jagen mir solche Gedanken durch das gebeutelte Hirn, das gerade - notdürftig geschützt durch einen Beamtendickschädel und einen darüber geschnallten Jet-Helm mit integrierter Sprechfunkanlage - zum wasweissichwievielten Mal am ungepolsterten Überrollbügel einer engen, dunklen und lauten Folterkammer auf seine Migränefestigkeit geprüft wird.
Durch die Interkom schnarrt die Stimme von Andy, dass die Kurve vor uns besonders sensibel zu befahren sei, zumal sie am Ende des Gefälles nach außen hängt, der Teerbelag dort wechselt und die Fan-Graffities auf der Fahrbahn auch nicht gerade zur Gripverbesserung beitragen.
Und schon erkenne ich, wie sich - in beängstigend rasch schrumpfender Entfernung - das feuchtschimmernde Asphaltband in einem scharfen Knick nach rechts aus dem Blickfeld verabschiedet. Und noch etwas sehe ich zwischen den sich rechts und links muskulös aufwölbenden Kotflügeln - knapp über dem Horizont eines Mittelgebirges von Motorhaube, unter welcher sich das Epizentrum eines nicht enden wollenden Erbebens befindet, das meinen Körper schon seit etlichen Minuten mit Stärke 6,8 auf der nach oben offenen Zakspeed-Skala in seinen Grundfesten erschüttert:
Ich sehe Laub! Gelbes, rotes, braunes und grünes nassglänzendes Laub in all seiner herbstlichen Pracht! Auf dem nassen Teer! Gleich werden wir es unter dem linken Räderpaar haben und diese Kanonenkugel, auf der wir gerade reiten, hat weder ESP, noch ASR, noch sonstige elektronische Helferlein an Bord, die das Blatt noch einmal wenden könnten.
Andy müsste den Boliden meines Erachtens schon längst stark verzögert haben, aber er macht keinerlei Anstalten dazu. Sind die Bremsen etwa hinüber? Hilflos festgezurrt in meinem Sechspunktgurt und eingemauert in einen Rennschalensitz recke ich meinen leichtfertig riskierten Hals, soweit es geht, über den breiten, ellbogenhohen Getriebetunnel und sehe die Tachonadel stoisch auf der Zahl 220 verharren.
Älterer Herr will's nochmal wissen...
Ich füge mich in mein unvermeidliches Schicksal. Längst ist alles zu spät und ich hoffe, dass die Gurte und der massive Schutzkäfig zusammen mit dem feuerfesten Overall und dem Helm das Schlimmste verhindern können. Oder sollte ich etwa auch mein Ohr auf so dramatische Weise einbüssen, wie Niki Lauda vor fast 30 Jahren bei ähnlicher Gelegenheit am gleichen Ort?
Zu allem Überfluss fällt mir mit Schrecken ein, dass meine Visage ja nicht von einem kuscheligen Fullsize-Airbag aufgefangen, sondern von der voyeuristischen Kamera, direkt vor meiner Nase, die alle meine Gefühlsregungen erbarmungslos aufzeichnet, zerschmettert werden wird. Das war sie dann also: Meine letzte Nahaufnahme! Äußerst unvorteilhaft - mit zur Fratze verzerrtem Gesicht!
In diesem Augenblick wird es mir mit aller Eindringlichkeit bewusst:
Das ist die Hölle! Nicht irgendeine belanglose Vorhölle für Falschparker und "Beigelbnochdurchfahrer", sondern die legendäre "Grünen Hölle" für Speedjunkies, die - wie ich nun weiß - nicht etwa wegen der üppigen Eifelvegetation so genannt wird, sondern wegen der Verfärbung der Gesichter der Fahrgäste in den Ringtaxis, von denen die ViperJet-Aktion des Zakspeed-Rennstalls von Peter Zakowski wohl die Eindrucksvollste sein dürfte. Und links neben mir am Steuer sitzt der Leibhaftige.
Da presst es mich in die Gurte! Die Augen wollen aus den Höhlen treten, als die brachial zupackenden Zangen der MovIT-Rennbremsanlage die Energie des feuerroten Geschosses mit unnachgiebiger Entschlossenheit in glühende Reibungswärme verwandeln. Schon drückt die Wange der Rennschale in meine linke Seite und ich habe Mühe, meinen Kopf nicht auf Andys Schulter zu legen, was dieser Teufelskerl am Volant womöglich falsch interpretieren könnte. Souverän kurbelt dieser mit kurzen, entschlossenen Handbewegungen am wildlederbezogenen Sportlenkrad, dass die weiße Mittenmarkierung schneller von rechts nach links und wieder zurück rotiert, als ich blinzeln kann.
Schließlich liegen wir dann aber zu meiner Überraschung doch nicht auf dem Dach in der Nordseedünung, wie ich befürchtet hatte, sondern sind immer noch auf der Straße des Leidens. Ich erkenne jetzt kurz den weiteren Streckenverlauf nach der Kurve - durch das Seitenfenster des Fahrers! Davor die Silhouette seines Vollvisierhelmes. So also sehen "alte Hasen" aus - noch jung an Jahren zwar, aber geprägt von über 1.600 Runden Nordschleife!
Der sage und schreibe 8 Liter große Zehnzylindermotor, der von hochmotivierten Lamborghini-Ingenieuren einst mit Erfolg vom bulligen Lastentransporter zum heißblütigen Sportler für die Dodge Viper GTS umerzogen und in diesem Fall von Zakspeed noch einmal richtig scharf gemacht wurde, grollt und faucht wie ein wütender Grizzlybär und mit animalischer Wucht reißt es die Fuhre wieder nach vorne, gleich nachdem das kurveninnere Vorderrad über die Curbs des inneren Scheitelpunktes der Biegung gerattert war. Bis heute war mir unvorstellbar, dass eine solch kritische Biegung mit derartiger Vehemenz zu umrunden ist.
Während ich mich als Spielball der entfesselten Elemente im Dodge-Inferno fühle, kommentiert Andreas Gülden, der Profi-Rennfahrer aus dem Zakspeed-Team, weiter mit schon fast provokant sachlichem Tonfall die pikante Streckensituation, ungerührt wie ein Museumsguide, der zum 1.600sten Mal ein staunendes Publikum durch eine Ausstellung lotst. Man verzeihe mir bitte, dass ich mir nicht alle seine Ausführungen merken konnte!
Die Bilder, die ICH jetzt sehe, huschen jedoch im Zeitraffer an uns vorbei, ebenso, wie der silberne Porsche Carrera, der vor Minuten mit Sicherheit auch nicht gerade zu einer gemütlichen Waldspazierfahrt aufgebrochen war.
Abwechselnd präsentiert sich das Asphaltband in zahllosen Kehren und Wendungen weiterhin durch die drei vorderen Scheiben des Wagens, während die G-Kräfte an meinen überschüssigen Pfunden zerren, die gottseidank wenige Minuten zuvor von zarter Hand zur blauen Presswurst mit Zakspeed-Etikett verschnürt wurden.
Andys Frage, was es denn heute zum Frühstück gegeben hätte, kann ich nur mit einem gestammelten "Wirst Du gleich sehen ...!" beantworten.
Doch als die zum Masochistentaxi umgerüstete Renn-Viper am Ende der Döttinger Höhe endlich in einen friedlich gurgelnden, ruhigeren Lauf verfällt, garniert durch das Heulen des geradverzahnten 6-Gang-Renngetriebes und dem Surren der Benzinpumpen, und ihre Aggressivität gegenüber dem Teer abzuklingen scheint, ist die Nahrung noch im Magen, wenngleich ich noch nie zuvor so genau wusste, wo der sich gerade befindet, ganz im Gegensatz zu meinem Herzen, das für gut 8 Minuten freie Aufenthaltsauswahl zwischen Hals und Hose hatte.
Interview
Als die doppelt weiß gestreifte Amiflunder mit den angeschirrten 510 dampfenden Rennpferden aus zwei armdicken Auspuffrohren bollernd im Fahrerlager ausrollt, nähert sich schon das Kamerateam dem Beifahrerfenster und ein mit zottigem Fell verkleidetes Mikrofon will sensationslüstern von mir wissen, was ich in meinen vermeintlich letzten Minuten empfunden habe. Noch etwas benommen suche ich verlegen nach Worten, stammle etwas von "Geil" und "Beeindruckend" usw., während mich die hübsche und freundliche Blondine vom Zakspeed ViperJet-Team wieder routiniert aus den Gurten befreit und ich etwas linkisch und ungelenk die Hürde des monströsen Seitenschwellers zu überwinden suche.
Jep, ich habe es ausgehalten, und zähle mich nun - adrenalindurchtränkt, aber glücklich - zu den mutigsten Beifahrern, welche die Redaktion der Zeitschrift AutoBild mit dieser spektakulären Aktion finden und auf ihren Internetseiten, sowie auf der "Essen Motor Show" zu präsentieren gedachte. Zwölf Personen (acht Männer und vier unerschrockene Damen) wurden aus einem großen Bewerberkreis ausgewählt und haben sich an einem nasskalten Tag in der Eifel eingefunden, um sich der "unheimliche Begegnung der Dritten Art" mit diesem UFO auf Ultrabreitreifen zu stellen. Niemand dieser arglosen Delinquenten wusste anfangs wohl genau, auf was man sich da leichtfertig und mit zuweilen keckem Bewerbungsspruch eingelassen hatte. Doch nun sind wir alle etwas klüger geworden, obwohl wir immer noch nicht genau wissen, wie der Trick mit der Aufhebung der physikalischen Gesetze funktioniert.
Denn, wenn wir - die wir uns gelegentlich hochmütig und ahnungslos sportlicher Fahrambitionen rühmen - derart forsch in die 72 Kurven der legendären Nordschleife gestürmt wären, hätten wir uns wohl schon längst vor dem berühmten Caracciola-Karussell in einer geostationären Umlaufbahn wiedergefunden, oder zumindest mit zerschmettertem Untersatz an der Leitplanke, wie einige andere, allzu mutige Alltags-Sportfahrer an diesem Tag.
Doch der wichtigste Eindruck, den zumindest ich von diesem Ort mitgenommen habe, war neben der tollen Stimmung, die trotz widriger Wetterverhältnisse von den geduldigen und fröhlichen Mitarbeitern von AutoBild, der Zakspeed ViperJet-Mannschaft, dem DSF-Aufzeichnungsteam und allen anderen Beteiligten ausging, folgende prägende Erkenntnis:
Der Eifelkurs ist in der Tat "Heiliger Boden"! Diese einzigartige Berg- und Talbahn durch eine phantastische Landschaft haucht Dir mit jedem Meter, den Du auf dem sagenumwobenen Pflaster zurücklegst, Ehrfurcht und Respekt ein. Zahlreiche mit ihr verbundene Legenden und Dramen werden - zumindest Ringnovizen, wie mir - mit einem Schlag präsent. Ich ahne: Lässt man diesen Respekt vermissen, endet dies entweder in der Leitplanke, oder in einer Bestzeit.
Epilog
Ich war die 550 Kilometer von München natürlich nicht alleine angereist. Mein Sohn Florian (24) hatte mich (49) begleitet und sowohl bei Anreise (nach kurzer, schlafloser Nacht) und Rückfahrt noch am selben Tag, freilich nicht ohne Vergnügen das Steuer unseres Passat W8 zu meiner Entlastung in die Hand genommen.
Während ich also von dem Geschehen der AutoBild-Aktion in Beschlag genommen war, suchte er seinerseits nach einer Möglichkeit, an diesem Tag auch noch zu einem besonderen Ring-Erlebnis zu kommen.
Dieses bot sich dann überraschend in Form eines Mitfahrangebotes in einem schwarzen, getunten Subaru Impreza WRX STI 4x4 mit schwedischem Kennzeichen und auf 550 PS getunter Maschine samt entsprechender Aussprache, die den Sound der Zakspeed-Viper glatt noch übertönte.
Erst nachdem er die verbale Eintrittskarte in dieses Mördergerät gelöst hatte, erfuhr er von einem AutoBild-Redakteur, in wessen Hand er sich da nun begeben würde.
Es handelte sich um den leibhaftigen Chauffeur des Teufels: Der unter allen Internet-Motorvideo-Junkies der Welt berühmte und berüchtigte Stuntman "Ghostrider", welcher u. a. mit halsbrecherischen Motorradfahrten auf öffentlichen Straßen Furore macht. Nun jedoch gab es kein Zurück mehr und mein Stammhalter berichtete mir später, dass er nur längere Geraden durch die Frontscheibe des Subaru gesehen hätte. Den Rest fast ausschließlich durch die Seitenfenster. Es muss ein wahrer Höllenritt gewesen sein. Nicht umsonst hatte der Geisterreiter noch einen weiteren Satz Räder neben den umgebauten Streetfighter-Maschinen in seinem weißen Begleitbus verstaut.
Nach Beendigung meiner sicher nicht minder aufregenden Mitfahrt im Beifahrersitz der Viper, glaubte ich, mein Adrenalin-Vorrat wäre restlos erschöpft. Doch weit gefehlt! Das Schlimmste kam erst noch:
Wenn man schon mal an der Nordschleife ist, darf ein echter Benzinapostel nicht abrücken, ohne eine Signatur in Form von eigenem Reifenabrieb auf dem Kurs hinterlassen zu haben.
Wir lösten also eine Viererkarte und gelobten uns gegenseitig, den schweren W8 angesichts der Feuchtigkeit auf Händen um die Kurven zu tragen. Null Risiko!!!
Florian kannte den Streckenverlauf auch schon von einer früheren Privatfahrt und auch von endlosen Computer-Rennsimulator-Sessions. Deshalb sollte er der erste Fahrer sein. Ich durchlitt in den kommenden 12 Minuten die grausamsten seelischen Qualen, die ein Beifahrerplatz zu geben im Stande ist - ich schwöre es!
Obwohl Söhnchen respektabel sicher und souverän gefahren ist, war ich am Ende total verkrampft und kam nach der ersten Runde kaum noch aus dem Auto.
Endlich war ich an der Reihe, es ihm heimzuzahlen! Und es gelang vorzüglich.
Der schwere Kombi verhält sich im Grenzbereich recht neutral und bremst sich im Driftansatz vertrauensfördernd ab, woran das ESP wohl einen gewissen Anteil hatte. Die allzu früh gesetzten Bremspunkte konnten wir durch kraftvolle Beschleunigung aus den Ecken mit Hilfe des an diesem Tag besonders segensreich wirkenden permanenten Allradantriebs gut kompensieren, so dass uns nicht einmal ein schwänzelnder BMW M3 CSL überholen konnte (oder mochte). Lediglich zwei Wolfsburger GTIs im Formationsflug, deren Fahrer offenbar ausgezeichnete Streckenkenntnisse und das Herz auf dem richtigen Fleck hatten, mussten wir ziehen lassen, ohne jede Chance, irgendwo noch etwas Boden gut zu machen. Wir haben also doch noch viel zu lernen! Aber - wie schon erwähnt: Wir fuhren ja mit "null Risiko"! ;-)
Sei's drum: Als wir mit rauchenden Bremsbelägen die letzte Runde beendet hatten, waren wir doch erleichtert, einen wirklich sensationellen Autotag mit gutem Gefühl und ohne Blessuren überstanden zu haben. Wir hatten ja in Form je eines "gestrandeten" Porsche 964, Honda CRX und Mazda MX5 gesehen, dass dies in diesen Gefilden nicht unbedingt selbstverständlich ist.
Als "Helden" kehrten wir vom Kreuzzug ins Heilige Land zurück und werden bis ans Ende unserer Tage, an diese Erlebnisse in der "Grünen Hölle" zurückdenken.
Allerdings: Den Stern am Kühlergrill samt dahintermontiertem SL in unserer heimischen Garage durch den Widderkopf eines Dodge und dessen Potenz zu ersetzen, wurde trotz kompatibler Sternzeichen (Widder und Steinbock) nicht ernsthaft in Erwägung gezogen.
Das Dodge-Motto "Grep life by the horns!" haben wir ja wenigstens schon mal für einen Tag beherzigt.
Sigi Heiland